Im Frühsommer 2011 veranstaltete der deutsche Kurator und mittlerweile belgische Galerist Benjamin Fleig im Grenzgebiet Aachener Wald, Belgien das intern. Land-art Festival Grenzkunstroute Übergriffe. Über den Sommer wurde es von vielen tausend
Besucher*innen gewürdigt. Dazu erschien ein Katalog.
Die Presse *Aachener Nachrichten* und Zeitungen aus Belgien und den Niederlanden fokussierten ein Kunstwerk, das wie ein Magnet wirkte. Der SPERMÜLLBAUM war in aller Munde …
Ich errichtete zusammen mit meinem Team in Mitten des Waldes auf einer Lichtung dieses
divers Aufsehen erregende Kunstwerk, eine Plastik aus Sperrmüll, den wir zuvor sammelten und dann in den Wald trugen. Allein der Fakt, dass wir Sperrmüll in den Wald trugen, löste bei vielen Menschen Gefühle aus, die ich selbstverständlich nachvollziehen aber kaum beschwichtigen oder befrieden konnte. Ich versuchte, was ich dort vor hatte, im Vorfeld zu kommunizieren, aber das überforderte die Vorstellungskraft vieler Menschen und befeuerte noch mehr die klischeehafte Vorstellungen über Kunst und natürlich zurecht das im Normalfall unschöne Thema „Müll im Wald“. Der Normalfall war aber hier nicht
gegeben, was man in aller Aufregung übersah, dazu fehlt weiterverbreitet Vertrauen
gegenüber Kunst. Die Vorstellungen und Kritiken derer, die hauptsächlich selbstverständlich und normal, größtenteils unreflektiert, am Konsum-Wahn teilnehmen und diesen mit ihrem Verhalten befeuern, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.
Dieser Stimmung gegenüber wuchs nun im Wald unter skeptische Beobachtung einiger
neugieriger Leute, die dieser Aktion auf die Finger schauen wollten, eine Plastik
der Gegenwartskunst in den Himmel, die den Namen SPERRMÜLLBAUM trug.
Zwei Vokabeln, Sperrmüll und Baum, die man normalerweise nicht miteinander
in Verbindung gebracht wissen will, fügen sich in diesem Kunstwerk zusammen.
Die deutliche Konsumkritik meiner Kunst an dem
„Kauf’ ich mir – taugt nix mehr – werf’ ich weg – kauf’ ich neu – Verhalten“, genau auch
bezogen auf solche Leute, die nun da standen und solch ein Verhalten in ihrem Leben
normal an den Tag legen und skeptisch blickten, begann, sich mit jedem Stück Sperrmüll,
das in der Plastik verarbeitet wurde, ohne das ein weiteres Wort gesagt werden musste,
gegenüber den Beobachtern aufzustellen.
Die Industrie, die Politik, die solch krankes Konsumverhalten ermöglicht, darauf abzielt,
war sowieso grundsätzlich im Fokus des Kunstwerks.
Es nahm die Form eines überdimensionalen Baumstumpfes an,
in dem auch die Form eines Raumschiffs, einer Rakete, die Form eines splittrigen
untergehenden Schiffes, eines Schiffswracks, in zerklüfteten sich auftürmenden
Eisschollen, gesehen werden konnte, wie man es aus dem Gemälde DAS EISMEER
von CASPAR DAVID FRIEDRICH her kennt, zu dem sich das Kunstwerk letztendlich
im Klang bezüglich menschlicher Vermessenheit anlehnte.
Es transformierte sich zum INSEKTENHOTELWOLKENKRATZER.
Je nach Witterung, Tageszeit und voranschreitendem Monat, bescherte einem das
Kunstwerk ein vielseitiges Erscheinungsbild, so lockte eine üppige Ästhetik und
öffnete so für den / die eine oder anderen Betrachterin die Tür zur Wahrnehmung der in dem Kunstwerk wohnenden Konsumkritik. Besucherinnen staunten, kritisierten, Kinder bemalten es. Dass das Kunstwerk eines Tages wieder aus dem Wald verschwinden würde, war ja klar. Es durfte bis kurz vor Weihnachten dort stehen und erlebte noch den ersten Schnee. Über den Zeitraum von einem halben Jahr nisteten sich verschiedene kleine Tiere dort ein, was für sie verhängnisvoll war. Der Mensch agiert und zieht Mensch, Tier, Pflanze unweigerlich überall mit … Veränderungen, diverse komplexe Folgen ufern aus, …
Aus dem Kunstwerk SPERRMÜLLBAUM entwickelte ich im Laufe der Jahre weiter
Kunstaktionen und Ideen für weitere Projekte, die sich mit diesem Gedankenkosmos
beschäftigten …
